Ernst Thälmann und ich*
Kaum ein Mensch mag die kalte Jahreszeit, auch ich bin dem Herbst und dem Winter eher negativ gesonnen. Nun kam es aber eines späten Novemberabends dazu, dass ich mit Ernst Thälmann von der Uni nach Haus lief. Seine Begleitung war etwas aufdringlich, da er sich die ganze Zeit an meinen Oberkörper kuschelte. Aber was sollte er auch anderes machen? Seine Beine hatte er quasi zu Hause gelassen und ich musste den Mann tragen. Anfangs fiel mir dies noch leicht, aber nach 10 Minuten machte sich sein ungesunder BMI von 35,1 bemerkbar. Ja meine Damen und Herren, 35,1 ist adipös. Obwohl man ihm sein Gewicht gar nicht ansieht, sollte er meiner Meinung nach etwas abnehmen. Als wir endlich an der Straßenbahnhaltestelle angekommen waren, sahen uns die Menschen schon recht merkwürdig an. Als ob sie noch nie eine 22 jährige und einen 45 jährigen gemeinsam durch die Stadt laufen sehen haben. Wir haben ja nicht Händchen oder so gehalten. In der Bahn mussten Ernst und ich uns einen Patz teilen. Es sieht ziemlich merkwürdig aus, wenn ein ausgewachsener Mitvierziger auf dem Schoß einer jungen Frau sitzt. Nach sechs Haltestellen hatte er seinen eigenen Platz und wurde dann von kleinen Mädchenaugen ziemlich schief angeguckt. Wahrscheinlich hatte sie ihn weder bis jetzt gesehen, noch wusste was für eine Persönlichkeit vor ihr saß. Als wir die Bahn verließen, betraten wir gefährliches Pflaster. Ich wohne nämlich nicht in der Innenstadt von Rostock sondern eher am Rand. Neulich erst wurde hier in der Nähe ein Mädchen entführt. Trotz meiner männlichen Begleitung fühlte ich mich hier im Dunkeln nicht wohler. Was wäre wenn uns jemand angreifen würde? Würde ich Ernst loslassen, wäre er tot. Würde ich ihn festhalten wäre ich langsamer, aber er könnte mich, falls der Angreifer versuchen würde mich zu schlagen, beschützen. Nachdem ich alle möglichen Szenarien im Kopf durchgegangen bin bemerkte ich 200 Meter von meinem Haus entfernt, dass meine Blase mehr als voll war. Dies erleichterte mir das Tragen von Ernst nicht wirklich. Im Haus angekommen, sah ich die Treppen hinauf, welche sich vor mir auftürmten wie einst die Alpen. Wie Hannibal erklomm ich die 89 Stufen in gefühlten hundert Jahren mit voller Anstrengung und Ernst grinste weiter entspannt. Kurz Zeitig überlegte ich, ihn nur für die 2 Minuten des Toilettengangs vor der Wohnungstür stehen zu lassen, aber dies war mir dann doch zu heikel. Ich lief schnell in die Wohnung und setzte ihn auf den Esstisch. Dort grinst er immer noch vor sich hin.
Wer sich nun wundert und sich fragt, ob ich verrückt sei, dem kann ich nur empfehlen, das Kleingedruckte zu lesen^^
*Oder wie ich mit seiner Büste durch Rostock lief
dragonflygarden am 07. Januar 13
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